Das Rosenhan- Experiment

    Es gibt 7 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von irreversible.

    • Das Rosenhan- Experiment

      Hi Community,
      Das Rosenheim- Experiment aus den 70er Jahren zeigt die Unzuverlässigkeit von Diagnosen innerhalb psychischer Kliniken.
      Sehr interessant und empfehlenswert zu lesen, deshalb hier eine Zusammenfassung.

      Was passiert, wenn sich gesunde Personen in einer Psychiatrie einliefern lassen?

      "On Being Sane in Insane Places"

      Das Rosenhan- Experiment war eine Untersuchung über die Zuverlässigkeit von Diagnosen.
      Die Untersuchung wurde 1973 im Science- Magazin veröffentlicht
      (deutsche Übersetzung: "Gesund in kranker Umgebung")

      Das Experiment:
      8 Freiwillige, allesamt psychisch gesund und darunter David Rosenhein persönlich,ließen sich in insgesamt 12 psychiatrische
      Kliniken einliefern. Jeder von ihnen erklärte bei seiner Einlieferung, dass er Stimmen hören würde: "leer", "hohl" und "dumpf".
      Rosenheim wählte für seine Experimente absichtlich diese Symptome, da sie sonst in keiner wissenschaftlicher Literatur vorkamen.

      Die Scheinpatienten gaben lediglich beim Aufnahmegespräch an, diese Wörter zu hören, danach nicht mehr.

      Bei dem Aufenthalt in den verschiedenen Kliniken spielte kein einziger von ihnen irgendwelche Symptome vor.

      Bei den Scheinpatienten handelte es sich um einen Psychologiestudenten, drei Psychologen, einen Kinderarzt,
      einen Psychiater, eine Hausfrau und einen Maler. Die Scheinpatienten waren im Durchschnitt 19 Tage hospitalisiert.
      Alle wurden mit der Diagnose "abklingende Schizophrenie" (Schizophrenie in Remission) entlassen.
      Von den Personen wurde kein einziger als Pseudopatienten entlarvt.

      Während dem Aufenthalt zeigten sich alle Scheinpatienten kooperativ und hielten sich an die jeweiligen Stationsregeln.
      Sie nahmen die ihnen verschriebenen Medikamente zum Schein ein (in Wirklichkeit hatte Rosenhahn in den Vorbereitungen
      des Experiments gezeigt, wie man Tabletten unter die Zunge klemmt, anstatt sie wirklich zu schlucken)
      Insgesamt wurden den Scheinpatienten 2100 Tabletten (!!!) gegeben.

      Erstaunlicherweise waren es die anderen Patienten, die das Experiment durchschauten.
      Ein Drittel von den echten Patienten äußerten, dass die Scheinpatienten gar nicht krank seien.

      Ein Patient äußerte:
      «Sie sind nicht verrückt. Sie sind ein Journalist oder ein Professor. Sie überprüfen das Krankenhaus

      Rosenhein und den anderen Scheinpatienten fiel besonders auf, dass sobald man als "abnormal" abgestempelt wird,
      dieses Merkmal die Wahrnehmung des Pflegepersonals und der Ärzte sehr stark beeinflusst.
      Die Lebensgeschichte wurde teils von Ärzten so umgedeutet, dass sie mit den Kennzeichen der Schizophrenie übereinstimmte.
      So wurden auch ganz normale Tätigkeiten, wie etwa das Schreiben von Notizen, als ein Ausdruck ihrer Störungen interpretiert.

      David Rosenhan und die anderen Scheinpatienten machten kleine Versuche mit dem Personal.

      So baten sie Pflegerinnen und Ärzte von Zeit zu Zeit um Erlaubnis, hinauszugehen.
      Die häufigste Reaktion war eine kurze Antwort im Vorbeigehen mit abgewandtem Kopf oder überhaupt keine Antwort.

      Scheinpatient:
      «Entschuldigen Sie bitte, Dr. X., können Sie mir sagen,
      wann ich für den Gartenbesuch in Frage komme?»

      Arzt:
      «Guten Morgen Dave. Wie geht es Ihnen heute?»
      (Arzt geht weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.)


    • Hm, dass die Ärzte die Scheinpatienten nicht entlarvt haben, finde ich ehrlich gesagt gar nicht so schlimm.
      Wie soll man gegenteiliges behaupten wenn jemand kommt und meint, er würde Stimmen hören?

      Ich finde es heftiger, wie die Ärzte die Lebensgeschichten der gesunden Scheinpatienten so erläutert haben, dass sie zum Krankheitsbild der Schizophrenie passen und ebenfalls die viele Medikamentation. Immerhin hat kein einziger Scheinpatient in der Klinik irgendwelche Symptome vorgespielt, weshalb also so viele Medikamente?^^

      Ich finde es cool, dass die echten Patienten die Scheinpatienten entlarvt haben =)
    • das finde ich auch besonders cool, dass die anderen Patienten raus fanden, dass es sich dabei nur um eine Täuschung handelte, obwohl ich mir folglich vorstellen kann, dass diese dann für noch kränker eingestuft wurden...nur so eine Ahnung

      aber ich frage mich, warum die Ärzte in die Situation gerieten, die Lebensgeschichten so umzudeuten, um zum Schluss zu kommen, dass es sich dabei um eine Schizophrenie handle...waren sie einfach so irritiert?

      die Tablettenmenge ist schon beachtlich, nur ist es nicht so, dass die Schizophrenie immer mit gewaltigen Mengen Medikation behandelt wird...ich mein ich war ja vor kurzem in der Geschlossenen und dort waren auch schizophrene Patienten und die bekamen neben den Medis noch Infusionen und Spritzen...also diese Tatsache scheint mir irgendwie nicht so abwegig...aber ich kann auch komplett falsch liegen!

      irreversible schrieb:

      Das Rosenheim- Experiment aus den 70er Jahren zeigt die Unzuverlässigkeit von Diagnosen innerhalb psychischer Kliniken.
      aber was wollen wir daraus schließen? dass unsere Diagnosen auch irgendwie "unzuverlässig" sind und wir gesund in eine kranke Umgebung kamen, und deshalb ebenfalls krank wurden? oder bin ich jetzt hier nur etwas paranoid :???:
    • Also ich finde das Ganze auch hochinteressant, vor allem, dass es dir Patienten waren, die das ganze entlarvt haben.
      Dass man daraus aber schließen soll, dass die psych. Einrichtung ja sooo unzuverlässig bei den Diagnosen sind, halte ich übertrieben gesagt für Panikmache.
      Solche Einrichtungen sind meist sowieso ausgelastet... wenn die Ärzte dann erst noch überprüfen sollen, ob das, was die Patienten von sich behaupten zu empfinden überhaupt stimmt...dann bleibt gar keine Zeit mehr für irgendetwas anderes. Dass die Lebensgeschichte "verbogen" wird ist klar... jeder Mensch besitzt eine unterschiedliche Vulnerabilitätsschwelle. Bei manchen reicht wenig aus, um eine psychische Krankheit auszulösen, bei anderen muss eben erst mehr passieren.. finde ich jetzt ehrlich gesagt nicht erschreckend, dass Gründe vermutet werden....
      Und wie es da steht: Es handelt sich um eine psychiatrische Einrichtung... keine psychotherapeutische. Dass da eher mit Medis um sich geworfen wird, sollte niemanden wundern.
      Klar gibt es mal bessere und mal schlechtere Kliniken, aber das so zu verallgemeinern ist Humbug. Zumal 1970? Ging es da nicht erst so richtig los und die moderne Psychologie steckte noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen?

      Sorry...aber diese Schlussfolgerung bereitet mir Kopfschmerzen.

      P.S.: Was in diesem Post steht ist meine Meinung, bitte fühlt euch dadurch nicht angegriffen.
      "Was hast du denn für ein Problem??"
      -
      "Muss ich mich sofort entscheiden?"

      *Koffeinmangel kann zu Fehlfunktionen führen. Achten Sie deshalb bitte auf den minimalen Füllstand. Konsultieren Sie bei weiteren Fragen einen Kaffeeautomaten.
    • Man bedekne dabei auch, dass selbst in den `70ger zum Teil noch Homosexualität für eine Psychische Störung gehalten wurde und mit sehr fragwürdigen Methoden behandelt wurde. Dahewr ist die Zeit in der das stattgefunden hat auch maßgeblich mit zu bedenken.
    • @joy_2
      aber ich frage mich, warum die Ärzte in die Situation gerieten, die Lebensgeschichten so umzudeuten, um zum Schluss zu kommen, dass es sich dabei um eine Schizophrenie handle...waren sie einfach so irritiert?
      Das ist die sogenannte Erwartungshaltung. Beispielsweise du bekommst 2 Kurzgeschichten in die Hand gedrückt. Und man sagt dir, die eine Geschichte wäre von einem Kind geschrieben und die Andere von einem Gefängnisinsassen. Dann wirst du an die Geschichte des Kindes mit einer anderen Erwartung zu lesen beginnen, als die Geschichte des Gefängnisinsassen.

      Man nennt das auch den Pygmalion-Effekt
      Beispiel für den Effekt: Hat ein Lehrer bereits eine (vorweggenommene) positive Einschätzung der Schüler (etwa „der Schüler ist hochbegabt“), so wird sich diese Ansicht im späteren Verlauf auch bestätigen. Dieses wird dadurch ermöglicht, dass der Lehrer seine Erwartungen in subtiler Weise den Schülern übermittelt, z. B. durch persönliche Zuwendung, die Wartezeit auf eine Schülerantwort, durch Häufigkeit und Stärke von Lob oder Tadel oder durch hohe Leistungsanforderungen. Es handelt sich keinesfalls um eine absichtliche Handlung, sondern geschieht vielmehr unbewusst [Quelle: wiki]
      Wie hier schon erwähnt wurde: die Veröffentlichungen der Untersuchungsreihen fanden in den 70 er Jahren statt.
      Free erwähnt, dass die Homosexualität zu dieser Zeit noch als psychische Störung galt, usw...
      Man kann also davon ausgehen, dass Diagnosen heutzutage eine viel größere Treffsicherheit haben,
      als zu der Zeit des Experiments

      (das erste Experiment fand 1968 statt)
      Im Katalog der amerikanischen Veteran's Administration waren nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 26 Störungen notiert.
      Der jetzt gültige "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischen Psychiater führt indes 395 verschiedene Krankheiten auf, die man diagnostizieren und folglich abrechnen kann. [Quelle: Spiegel]
      Jeder zieht seine eigenen Schlüsse aus dem Experiment (doch joy_25, bitte mach dich selbst nicht paranoid damit...)

      Für die, die es interessiert noch ein interessanter Link zu dem Experiment und dem Thema der Pharmaindustrie:
      Krankheit: Ganz normaler Irrsinn - SPIEGEL ONLINE