Konkrete Maßnahmen

Die im normalen Alltag üblichen und meist auch sinnvollen Vorschläge, Ermahnungen und wohlmeinenden Aufmunterungen sind im Gespräch mit Suizidgefährdeten oft fehl am Platz. Denn es dürfte für den Betroffenen kaum einen Lösungsansatz geben, den er nicht schon selber erwogen, geprüft und wieder verworfen hätte. Die Wiederholung solcher Argumente muss ja den Eindruck erhärten, es sei schon wirklich alles versucht worden - umsonst.

Daher soll man nach und nach mit großer Vorsicht die aufgestauten Aggressionen zu kanalisieren versuchen. Wichtig ist vor allem das laute und deutliche Ansprechen und Aussprechen und damit Bewusstmachen bisher unbewusster oder verdrängter zwischenmenschlicher und persönlicher Probleme. Dazu gehört eine Reihe von gezielten Fragen, die in einer solchen Notsituation "Luft schaffen können". Sie wirken zwar auf den ersten Blick sehr persönlich, direkt, indiskret, fast unzumutbar. Andererseits: Wie hoch kann der Preis werden, wenn sich die Zurückhaltung nicht auszahlt? Was ist wichtiger: Die Wahrung sogenannter gesellschaftlicher Normen oder die Erhaltung eines Lebens?

Solche gezielten Fragen sind beispielsweise:

- Haben Sie gegen jemanden Wut, Zorn, Hassgefühle, die Sie unterdrücken müssen? - Aggressionen, die unterdrückt werden (müssen) können sich gegen die eigene Person richten.

- Haben sich Ihre Interesse, Gedanken und zwischenmenschlichen Kontakte gegenüber früher eingeengt? - Je mehr sich die Außenkontakte reduzieren, die Gefühlswelt verarmt, das Blickfeld einengt, die Zukunft "röhrenförmig" auf suizidale Impulse zentriert, desto größer die Gefahr.

- Haben Sie schon daran gedacht, sich das Leben zu nehmen? - Diese an sich schockierende Frage löst eine heimliche Suizidgefahr nicht aus, sondern macht sie dem Betroffenen oftmals erst richtig bewusst. Je konkreter nun seine Vorstellungen oder gar Vorbereitungen, desto größer die Gefahr.

- Denken Sie bewusst daran oder drängen sich derartige Gedanken bereits auf, auch wenn Sie es nicht wollen? - Suizidideen, die sich passiv aufdrängen, sind gefährlicher als selbst herbeigeführte Selbstmordphantasien.

- Haben Sie schon über Ihre Absichten mit jemanden gesprochen? - Jede Form von Ankündigung, versteckte wie demonstrativ erscheinende, muss stets ernst genommen werden.

Natürlich müssen solche Fragen zur Klärung und Behandlung vor allem dem Arzt vorgehalten bleiben. Und selbstverständlich sollte man auch alle Kraft darauf verwenden, den Patienten in ärztliche Behandlung zu bringen. Andererseits kann sich auch der Laie in bestimmten Situationen nicht seiner Verantwortung entziehen. Und oft ist es sehr schwer, den Patienten von einer Arzt-Konsultation zu überzeugen, wobei der eigentlich dafür zuständige Psychiater oft noch mehr gescheut wird als der vertraute Hausarzt.

Doch der offene Dialog ist schon deshalb fruchtbarer, weil auch der Suizidwillige lange nicht weiß, was er nun eigentlich will und vor allem wie, wo und wann er es will. Allein die Aussprache über die selbstzerstörerischen Impulse schwächt aber diese gefühlsmäßigen Spannungen meist entscheidend ab. Dagegen sind Rückzug und damit Isolationsgefahr bzw. gar der Abbruch aller mitmenschlichen Kontakte nicht nur überaus gefährlich, sondern auch viel häufiger als man annimmt. Deshalb auf die Stillen oder still Gewordenen achten.

Und die alte Erkenntnis nicht vergessen:

Jedem Suizid geht ein missglücktes oder nicht stattgehabtes Gespräch voraus. Denn, so die alte Erkenntnis: Selbstmörder ist man lange, bevor man Selbstmord begeht. Oder noch eindrücklicher: Selbstmord, das ist die Abwesenheit der anderen.